
Da unser Heft nur alle halbe Jahre erscheint, einige unserer Autoren aber vor schöpferischer Kraft und Mitteilungsdrang schier platzen, haben wir die BiS-Files eingerichtet, wo die Autoren alles kundtun können, was ihnen gerade durch den Kopf geht - ja, man könnte sagen, daß die BiS-Files so eine Art Ur-Blog sind, entstanden in einer Zeit, als es das Wort "Blog" noch gar nicht gab.
Im Moment geben sich hier die Ehre unsere Schreiber Brachland, Bös, Der leere Eimer, Elffriede, Heyoka, Kasimira und Z.
Hier sind alle Einträge vom 23.01.2010 bis zum 01.03.2010. [Ältere Einträge]
Der große Fortsetzungsroman
_99. Offene Fragen
Fehlen Ihnen manchmal die richtigen Phrasen?
Sind Sie nicht schlaffertig?
Haben Sie Geldfieber?
Was macht Ihr Stuhl?
Singt er oder spricht er mit Ihnen?
Sagen Sie ihm Lebewohl?
Wann hat Ihr Glück Geburtstag?
Welchen Tag hatten wir vor zehn Jahren?
Wie heißt Ihr Glückstag mit Vornamen?
Wen liebt Ihre Frau mehr: Sie oder ihre Liebhaber?
Gehen Sie gern Kartoffeln pflücken, Äpfel ärgern, Saumägen auspumpen?
Wer hat Ihnen die Nase verpatzt?
Warum verpassen Sie Ihr Leben?
Wer pfuscht Ihnen hinein?
Ihr Wagen gar?
Die Großmama?
Oder Gargargar?
Was nervt ...
Schauspieler mit rasierten Schädeln, die im Film ständig mit ihren Händen liebkosend ihre kahlen Birnen betatschen.
Der große Fortsetzungsroman
_98. Herbst Gottes
Und ich wandte und verwandelte mich in die Osterinsel. Und blickte auf den Berg Mose. Aus meiner Nase wuchs heiliges Land. Ich ließ es betreten, ließ jedes Sandkorn mit Opferblut tränken. Das besänftigte mich, und ich wandelte zur Inanna, ihr Dunutzi zu sein. Nächtelang durchwanderte und verdüsterte ich die Seelen Zarathustras, Platons und Manis. Früher oder später fand ich mich auf Hammurabis Gesetzstele wieder, als Priester in und aus Stein. Ich blieb Literatur und nahm die Gestalt des Neuen Testaments an, bis ich in die Schriften Ovids und Tacitus` einging. Schon wuchs ich zum Haus Gottes heran und tötete alle meine Schafe. Ich schenkte ihnen Flutwellen, Kriege und Seuchen.
Als sich die Zeiten wendeten, verkam ich zur Kaffeetüte und, im Herbst meines Lebens, fiel ich als Blatt vom Baum. Wie zu ewiger Strafe wurde ich als Teetasse wiedergeboren. Lüge! Ich schuf mich selbst. Über Jahre vergewaltigten mich Herpeslippen, bevor mir der Geduldshenkel brach. Ich arbeitete mich in einen Gassenhauer um. Ich flog und schwirrte durch Raum und Zeit, jedes Hirn, jedes Herz war mein Zuhause. Schließlich landete ich als Bidet im algerischen Exil. Hintern zogen wie eine Ahnengalerie an mir vorüber, bis ich platzte. Meine Scherben wurden nach China verschifft. Dort wurde ich zum Buddha, geformt, gebrannt und bemalt. Auf Kamelhöckern schwankte ich über die Seidenstraße nach Indien. Dort diente ich einem Asketen als Wasserpfeife. Dann landete ich im Fluß. Ich spielte Leiche im Ganges und trieb zum Meer. Kaum angekommen, veränderte ich mich in ein Gespräch armer Fischer, die ihre Dummheit, ihr Unvermögen beschrien und beklagten. Ich kehlte, und ich rollte die Worte, so daß sich die Fischer vor Entsetzten Lippen und Zungen betasteten. Ein Scherz! Dann zog ich weiter...
Als Laterne in der Straße der großen Gaunerei schlug ich die Schatten von Paris. Ich hob das Grün des Pissoirs unter mir hervor. Dabei bestaunte ich allerlei Handlungen, die Menschen an andern und an und für sich verrichteten.
Oft blickte ich mit Wehmut auf meine Leben zurück, auf Zeiten, in denen noch so viel Glaube in den Menschen war, daß ich ihnen als Gott, als Buch oder Urlaubsinsel scheinen konnte. Die Gläubigen hatten sich satt gesehen, sie hatten sich an allem überfressen. Sie erblindeten an Hochmut, an Selbstüberschätzung, sie sahen nichts außer sich selbst. Sie waren reif für die Insel. Deshalb, um den Kreis zu schließen, wandte und verwandelte ich mich in die Osterinsel.
V-Day
Heute ist Veitstag, und auch ich möchte meine Angebetete mit einem Tänzchen erfreuen. Schon auf dem Weg zu ihr habe ich mich tüchtig in Rage gedacht, und so trieft mir, als ich vor ihrer Türe stehe, bereits eine stattliche weiße Schaumschürze von Lippe und Kinn.
"Grrrarrchz!" schmettere ich ihr aus überquellendem Herzen entgegen, als die Holde mir öffnet. Dann beginne ich auch schon augenrollend mein Haupt kraftvoll hin und herzuschleudern. Große gischtige Flocken lösen sich von meinen Lefzen und klatschen beiderseits gegen den Türrahmen sowie ins Antlitz meiner Dame. Sie schüttelt sich verschämt, doch ein verräterisches Rot schießt zugleich in ihre Wangen, das schönste Rot der Welt! Sie ist mir zugetan, verheißt es, und bei diesem Gedanken wiehere ich lauthals und schlenkere kräftig mit den Armen. Meine Hände krachen mehrmals gegen den Türrahmen, doch es brechen nur zwei Finger und ein Nagel.
Ich komme nun in Fahrt. Mit einem Schritt bin ich im Raum, krähe aus vollem Hals und stoße mir sodann das linke Knie ins Auge, einmal, zweimal und noch einmal. Ich springe hoch, lande auf dem Rücken, werfe die Beine und Arme in die Höhe, kugle in Richtung Küche und werfe mich tollwütig ins sauber sortierte Altglas. Im nächsten Moment stehe ich aber schon wieder und wirble einen mörderischen Stepptanz auf die Kacheln, während mein Kopf wild kreist.
Nun ist auch für meine Angebetete kein Halten mehr. Mit einem gellenden Schrei und gebleckten Zähnen stürzt sie sich auf mich. Wir rasen uns abwechselnd umklammernd und schlagend und drehend und die Gliedmaßen um uns werfend in den Flur zurück. Als wir im Wohnzimmer ankommen, sind wir schon kaum noch bei Sinnen. Mit einem nicht enden wollenden Klirren und Splittern und Krachen kommen wir schließlich in der Vitrine mit der Aussteuer zur Ruhe. Schwer atmend schaue ich in ihre schönen Augen: blankes Weiß mit rosigen Adern. "Ach, Du!" haucht sie, und ich erbebe.
Hinterher gab es noch Kaffee und Kuchen.
Laufen
Als Merkel gestern über den Lauf schwadronierte, auf dem sie und ihre Regierung sich befinden, als sie dann erläuterte, dass man einen solchen Lauf nicht nach einhundert Metern beurteilen könne und dass er zudem noch sehr lange weitergehen werde - da formte sich (ich weiß gar nicht, woher) in meinem Kopf der seltsame Satz: "Die Koalition in ihrem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf" ...
Der große Fortsetzungsroman
_97. Über Bürden springen
Ich überquere die Straße und sehe, die Straße folgt mir. Dann merkt sie auf, sie zögert, dann zuckelt sie zurück. Häuser werden zu Apfelbäumen. Wenn ich sie berühre, fallen Menschen von den Ästen. Mich findet eine Pistole. Sie zwingt mich, mit ihr die Luft zu durchlöchern. Es beginnt, Regenbögen zu regnen. Unter meinen Füßen wandelt sich Wasser in Honig. Ich Imker ich, sagt eine Alte, die einst Priesterin in Babel war. Sie gebietet: Knie nieder! und ich knie nieder. Falte die Hände und neige dein Haupt! und ich verschränke meine Finger und senke in Ehrfurcht den Kopf. Als ich mich wieder erhebe, ist die Alte verschwunden. Einzig ein Lächeln, ein Grinsen purzelt durch Sauerstoffstraßen. Ich lege auf das Lächeln und auf die Straßen an. Die Kugeln schießen übers Ziel hinaus, sie treffen ein Auto, das daraufhin einen Apfelbaum rammt. Auf die Erschütterung hin wankt der Baum zur nächsten Tankstelle. Das Naturwerk beleidigt Zapfsäulen, bis sie explodieren. Ich zünde an fliegenden, an sprühenden Funken einen Nikotinschnuller an. Dann nehme ich die Schreie Verbrennender auf Tonband auf. Ich bin entspannt, mir kann nichts passieren.
Der Apfelbaumwald lichtet sich mit jedem meiner Schritte. Schon stolpere ich über eine Wiese, von neugierigen Pferden und Kühen eingekreist. Wir wiehern, wir blöken und nicken Neuigkeiten aus. Dann zieht mich der Strom zu sich. Er strebt zum Meer und klagt über Vergiftungserscheinungen. Ich befehle: Fließ, Fluß! Plötzlich bleibt er stehen und beschimpft mich aufs Gröbste. Immer muß ich Recht behalten. Also hebe ich die Erdkruste und sehe: Der Fluß fließt. Ohne Doppelung und zwiefachen Boden. Mit einem Satz überspringe ich eine Förde und die Bürde meiner Macht. Ich bin Mensch mit Hirn und Händen und einem Gesichtsfeld, dem alles gehört.
Nachrichten mit Mehrwert
Wie selbstverständlich wurde ich gestern in allen möglichen Nachrichtensendungen - ja, auch in ARD und ZDF - auf das neue revolutionäre Produkt aus dem Hause Apple hingewiesen. So wie schon zuvor auf andere Geräte dieses Herstellers.
Das ist doch toll. Man ist am Puls der Zeit und kann sich von Haiti und Afghanistan ablenken lassen. Außerdem will Apple ja nichts weniger als eine bessere Welt.
Mal sehen, wann wir im "heute journal" oder in den "Tagesthemen" auch auf den neuen Kühlschrank von Bosch, den frisch auf den Markt gebrachten Mittelklassewagen von VW oder den weiterentwickelten Nasenhaarentferner von Braun hingewiesen werden.
Ich freu mich schon!
Fit für's geeinte Europa der Zukunft
Heute in unserer Küche polnischen Handwerkern zwei Stunden lang beim Fluchen zugehört. In Decke eingelassener, unter Verkleidung verborgener, nahezu unzugänglicher Rollladenkasten mit Kettenantrieb Meisterwerk deutscher Handwerksknaupkunst. Interkulturelle Kommunikationskernkompetenz gestärkt; fühle mich bestens gerüstet für zusammenwachsendes Europa.
