
Da unser Heft nur alle halbe Jahre erscheint, einige unserer Autoren aber vor schöpferischer Kraft und Mitteilungsdrang schier platzen, haben wir die BiS-Files eingerichtet, wo die Autoren alles kundtun können, was ihnen gerade durch den Kopf geht - ja, man könnte sagen, daß die BiS-Files so eine Art Ur-Blog sind, entstanden in einer Zeit, als es das Wort "Blog" noch gar nicht gab.
Im Moment geben sich hier die Ehre unsere Schreiber Brachland, Bös, Der leere Eimer, Elffriede, Heyoka, Kasimira und Z.
Hier sind alle Einträge vom 11.06.2010 bis zum 28.07.2010. [Ältere Einträge]
Ein Umbruch
Im Kontor herrschte heute morgen große Trauer. Als ich beschwingten Schrittes und unter frohem Lupfen meines Hutes um punkt 6.25 Uhr die Schreibstube betrat, dem Laufburschen eine milde Kopfnuss verabreichte, meine rindslederne Aktentasche auf mein Schreibpult knallte, dass die Butterbrotdose darin schepperte, und den Hut mit elegantem Schwung auf den Kaminsims schleuderte - als ich, kurz gesagt, mich anschickte, einen ganz gewöhnlichen Arbeitstag zu beginnen, fiel es mir plötzlich auf.
Wo sonst die Tastaturen klappern, Stubenhockerlungen rasseln und Bürokratengelenke quietschen, wo Kunden und Dienstboten und Geschäftspartner umherhasten und gestikulieren, wo Männer mit roten Gesichtern von Dreiecksgeschäften mit Fußleisten und Gummipfropfen, von komplizierten Transaktionen über Mittelsmänner in Feuerland und Usbekistan und von kiloschweren Aktienkäufen schreien - dort herrschte heute morgen eine trübe Stille.
Ich versuchte es noch mit einem Witz über einen Schaffner mit defekter Knipszange und einen Mathematiker, die beide von einer Blondine in einem Opel Manta nach Emden chauffiert werden, doch noch ehe ich zur Pointe gelangen konnte, flüsterte mir mein Schreibpultnachbar die schreckliche Nachricht ins Ohr, und ich verstummte augenblicklich.
Unser abenteuerliches Kontorleben war Vergangenheit, wie mir mit bleiernem Grausen klar wurde.
Denn seit heute morgen ist, so hat es die Regierung beschlossen, Sozialismus.
Nur Trickfilme
Der beste Kommentar, den ich bislang überhaupt zum sogenannten "Karikaturenstreit" gehört (und gesehen) habe, ist die Folge "Cartoon Wars" von "South Park".
"South Park" sollte endlich Lehrstoff an unseren Schulen werden und meinetwegen den Religionsunterricht ersetzen. Damit wären wir Humboldt und dem Ideal der Aufklärung wieder deutlich näher. Außerdem würden dann vielleicht wenigstens die nachfolgenden Generationen lernen, sich selbst nicht so wichtig und alles so ernst-pathetisch zu nehmen.
Aber wie auch immer - "South Park" is' ja eh nur ein Trickfilm, Kinderkram ...
Der große Fortsetzungsroman
_108. Abschied von Rosmarie oder Meinungen zum Schleuderpreis
Knicks hetzen am Zug vorbei. Sie hinterlassen Linien auf dem Abteilfenster, Strichmuster in Dunkelgrün. Mein Blick richtet sich auf Rosmarie in meiner Vorstellung, auf ihren Alabasterkörper.
Keine Frau hat mich mehr beschäftigt als sie, als Rosmarie. Unsere einzige Gemeinsamkeit der Rebensaft. Sie pflegt die Gewohnheit, bei Weinproben einzukaufen. Auch ich habe davon gelebt. Eines Nachts hatte es an meiner Tür geklopft. Rosmarie stand mit zwei Rieslingkisten da. Ich riss sie ihr aus den Armen und warf die Tür zu.
Das ist die knappe Ewigkeit von fünfzehn Stunden her, und auch jetzt, da ich die letzte Flasche ansetze und ihrem Abbild auf dem Abteilfenster zuproste, umtanzen Dionysos` Nymphen ihr Gesicht.
Der große Fortsetzungsroman
_107. Föhn
Die Sonne lacht, und das mitten im Winter. Rosmarie sesselt hinter der Fensterscheibe und schwitzt. Sie betet die Sonne an, die Schweinebeine von sich gestreckt, die Augen geschlossen. Sonnenstrahlen wärmen den viel zu fetten Alabasterkörper. Doch auf einmal sind die Kosungen vom Leib und das Hellrot aus den Augenlidern verschwunden. Ein Wölkchen hat sich zwischen Rosmarie und Sonne geschoben, ein Schäfchenwölkchen stellt ihren Gedankenstaubsauger aus.
Rosmarie blinzelt in den Himmel. Ein Düsenflieger zerschneidet ihn von links nach rechts. Er zieht wie mit Kreide einen Strich über die Fläche. Aber schon lugt die Sonne hinter dem Wölkchen wieder hervor. Sie zwingt Rosmarie, die Augenvorhänge zuzuziehen. Sie kost ihren Alabasterkörper, und sie saugt alle Gedanken aus ihr heraus.
Das Leid des Satirikers
In eines seiner Programme hat der Kabarettist Dieter Nuhr den Ausspruch "Wenn man keine Ahnung hat - einfach mal die Fresse halten" (oder so ähnlich) eingebaut. Das Tragikomische ist, dass dieser Spruch nun zur Allzweckwaffe, zum zigfach rezitierten Mantra genau der Klugscheißer geworden ist, auf die Nuhr damit abgezielt hat.
Erinnert ein wenig an Tucholsky und seine Wortschöpfung "nichtsdestotrotz".
Daikaiju und der moderne Haushalt
Hilferufen dringt aus der Küche in mein Gelehrtenkämmerlein. Ich werfe den Federhalter in die Ecke und stürme über den Flur. Ein Bild des Jammers: mein Mitbewohner, wie er mit erlahmenden Kräften gegen das seit Jahrzehnten fies verkrustete Backblech kämpft. Da, er sinkt matt zu Boden! Jetzt bleibt mir nur noch eine Wahl.
Mit einem Donnerschlag verwandele ich mich in KÜCHENGODZILLA. Der Dielenboden erbebt unter meinen mächtigen Tritten, als ich zur Spüle stapfe. Ich stoße ein kehliges Gozillakreischen aus, daß die Gläser im Regal klingeln. Meine Klauen packen das Blech: jetzt gibt es kein Entrinnen mehr. Mein Rückgrat ist mit Stahlwollschrubbern besetzt, aus meiner Kehle speie ich heiße Spülmittelstrahlen. Das Backblech hat nicht die geringste Schangse gegen Küchengodzilla, Gegenwehr ist völlig sinnlos.
Schließlich ist die Schmutzarbeit verrichtet. Ich verwandele mich zurück, die Topfschrubber gleiten von meinem Rücken. Befriedigt setze ich mich auf den mit silbernem Klebeband geflickten Küchenstuhl und betrachte die Spuren der messerscharfen Klauen Küchengodzillas, die sich über die Dielen ziehen. Jetzt ein kühles Bierchen! Mein Mitbewohner packt Kartoffeln, Zwiebeln und Tomaten auf das Blech. Dann stoßen wir auf Küchengodzilla an.
Der große Fortsetzungsroman
_106. Kleine Geschichte einer großen Frau
Agnes Mehlhorn leuchtet in die Rumpelkammern ihrer Vergangenheit hinein, in Zimmer voller Kleinbürgerglück und Unglück. Dort war sie geboren, jene Kammern kannte sie, in ihnen sollte sie dem Tod begegnen.
Dass sie Anlageberater und Mietliebhaber in eleganten Hotels empfängt, hat nicht nur damit zu tun, dass ihr Talent, ihr Gesangstalent, auf einer handwerklichen Grundlage ruht, dass sie zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war (ihr Spitzname: Agnes Überall!), dass ihre Stimme wie Kartoffeln oder Nudeln schmeckt. Agnes Mehlhorn, alias Agnes Meier-Mehlhorn, trägt ein Naturlächeln, eines, das alle betört, eine Lache, die niemand überhört.
Impressario Sparkrampf sprach: Ich mach mich reich. Und Agnes versprach er: In einem halben Jahr kennt dich die Welt!
Ohne Tricks, ohne Hochschlafen?
Richtig, nickte Sparkrampf und dachte: Das kostet dich Hunderttausend extra pro Jahr.
Die Maschine, in die er sie warf, schuftete wie ein Bankpräsident. Das Leben veränderte sich wie Hundehaufen im Regen. Ihr Lächeln eilte Agnes zu Hilfe. Es überbrückte Altes mit Neuem. Wann immer sie wollte, schlüpfte Agnes Meier-Mehlhorn in die Haut der Agnes Mehlhorn zurück. Und wenn sie kein Verehrer umbringt, wenn die Flugwerkzeuge unter ihrem Hintern nicht aus allen Wolken fallen, dann wird das Volk noch ihr Rentnerlächeln lieben.
Programmänderung
Die Volkshochschulleitung teilt mit:
Der Vortrag von J. Holzwinckel, "Einwürfe in der Tiefe des Raumes: Die Abseitsregel im hermeneutischen Diskurs der Moderne", fällt leider aus.
Ersatzweise doziert F. Zapperthek über "Die Vuvuzela: Die späte Rache des schwarzen Kontinents."
(Vortrag mit praktischer Demonstration. Volkshochschulgebäude, Saal 2, 17:30 Uhr. Keine Haftung für Gehörschäden.)
