Da unser Heft nur alle halbe Jahre erscheint, einige unserer Autoren aber vor schöpferischer Kraft und Mitteilungsdrang schier platzen, haben wir die BiS-Files eingerichtet, wo die Autoren alles kundtun können, was ihnen gerade durch den Kopf geht - ja, man könnte sagen, daß die BiS-Files so eine Art Ur-Blog sind, entstanden in einer Zeit, als es das Wort "Blog" noch gar nicht gab.

Im Moment geben sich hier die Ehre unsere Schreiber Brachland, Bös, Der leere Eimer, Elffriede, Heyoka, Kasimira und Z.

Hier sind die Einträge von Der leere Eimer vom 15.05.2010 bis zum 01.09.2010. [Ältere Einträge]

Der große Fortsetzungsroman

_111. Die Nebelspirale

Der Anfang ist der Anfang vom Ende. Du stehst auf einem Platz oder Bahnhof, umschwirrt von zielbewusst scheinenden Ameisen. Du stehst da und fühlst dich deiner selbst nicht sicher. Du hast weder Gott noch dich selbst. Deine Augen irren umher, sie weichen Blicken aus, sie können sich an nichts und niemanden festhalten. In deinen Ohren lärmt die Stadt. Du übergibst dich ständig, Tag und Nacht, und auch deine Blase hast du nicht im Griff.

Und wenn du in deinen immer enger werdenden vier Wänden bist, in deinen immer wiederkehrenden vier Wänden, dann weißt du, dass du nicht mehr aus ihnen herausfinden wirst.

Du bist auf der Flucht, du fliehst vor dir und den andern, vor denen, die dir den Spiegel, deinen Spiegel, vorhalten. Du willst das, was du darin siehst, nicht sein. Du willst nicht sein, was du bist.

Und so geht sie weiter und weiter, die Flucht vor dir selbst, immer schneller und schneller, und immer im Kreis.

Und jetzt, jetzt sitzt du in der Falle. Du sitzt in deinem eigenen Gefängnis und jammerst und heulst und zerfrisst dir das Gehirn. Und am Ende der Spirale leuchtet es in deiner dunklen Seele in großen, bunten Lettern auf: Heroin. (am 01.09.2010 von Der leere Eimer) · #Direktlink zum Versenden

Der große Fortsetzungsroman

_110. Der Mitläufer

Als diese Nietengürtel aufkamen, die, die lediglich dem Zweck dienten schön auszusehen, als dieser Schnickschnack in Mode kam, da kaufte auch er einen.

Später ging es mit den teuren, aber hässlichen Polohemden weiter, und er, er war dabei, auch dann, als es galt, Fremdenheime und Fremde anzustecken. Eines Nachts jedoch fingen ihn Polizisten ein. Sie rissen ihn aus der Geborgenheit seiner Gruppe heraus, sie nahmen ihm den Zusammenhalt. Nun sitzt er ganz allein in einer Zelle und wartet auf seinen Prozess: Totschlag. Und er heult Tag und Nacht, und es tut ihm alles so leid, und das war doch alles nicht so gemeint... (am 15.08.2010 von Der leere Eimer) · #Direktlink zum Versenden

Der große Fortsetzungsroman

_109. Die Auszeichnung

Stehmut Dürrwitz strahlte wie Quecksilberdampflampen im Kuhstall. Stehmut Dürrwitz stand stramm, er stand im Festsaal des Kartoffelkulturamts. Seine Führer konnten mit ihm rechnen, er funktionierte wie ein Lichtschalter. Da kamen keine Zweifel, keine zwei Meinungen auf, auch nicht unter Seinesgleichen. Der Name Stehmut Dürrwitz stand für Zucht und Ordnung, für Aufopferung, Pflichterfüllung und Treue.

Als ihm der Kartoffelminister, Seine Steifhaltigkeit Dr. Flottholz, auszeichnete, als er ihm ein Metallkreuz an die Brust heftete, klatschten die Blitzlichter vieler Journalisten. Am nächsten Morgen würde Stehmut Lokalnachrichtenheld sein. Frau Dürrwitz, Stehmuts Mutter, konnte ihre Rührung nicht länger unterdrücken: ?Was werden die Nachbarn staunen!?

Später stand Stehmut allein. Dann verließ er das Kartoffelkulturamt, er lief zur Bushaltestelle über die Straße. Plötzlich brüllten Bremsen, Autoreifen markierten Striche auf der Fahrbahn. Und Stehmut Dürrwitz starb auf dem Weg ins Siechenhaus. (am 01.08.2010 von Der leere Eimer) · #Direktlink zum Versenden

Der große Fortsetzungsroman

_108. Abschied von Rosmarie oder Meinungen zum Schleuderpreis

Knicks hetzen am Zug vorbei. Sie hinterlassen Linien auf dem Abteilfenster, Strichmuster in Dunkelgrün. Mein Blick richtet sich auf Rosmarie in meiner Vorstellung, auf ihren Alabasterkörper.

Keine Frau hat mich mehr beschäftigt als sie, als Rosmarie. Unsere einzige Gemeinsamkeit der Rebensaft. Sie pflegt die Gewohnheit, bei Weinproben einzukaufen. Auch ich habe davon gelebt. Eines Nachts hatte es an meiner Tür geklopft. Rosmarie stand mit zwei Rieslingkisten da. Ich riss sie ihr aus den Armen und warf die Tür zu.

Das ist die knappe Ewigkeit von fünfzehn Stunden her, und auch jetzt, da ich die letzte Flasche ansetze und ihrem Abbild auf dem Abteilfenster zuproste, umtanzen Dionysos` Nymphen ihr Gesicht. (am 15.07.2010 von Der leere Eimer) · #Direktlink zum Versenden

Der große Fortsetzungsroman

_107. Föhn

Die Sonne lacht, und das mitten im Winter. Rosmarie sesselt hinter der Fensterscheibe und schwitzt. Sie betet die Sonne an, die Schweinebeine von sich gestreckt, die Augen geschlossen. Sonnenstrahlen wärmen den viel zu fetten Alabasterkörper. Doch auf einmal sind die Kosungen vom Leib und das Hellrot aus den Augenlidern verschwunden. Ein Wölkchen hat sich zwischen Rosmarie und Sonne geschoben, ein Schäfchenwölkchen stellt ihren Gedankenstaubsauger aus.

Rosmarie blinzelt in den Himmel. Ein Düsenflieger zerschneidet ihn von links nach rechts. Er zieht wie mit Kreide einen Strich über die Fläche. Aber schon lugt die Sonne hinter dem Wölkchen wieder hervor. Sie zwingt Rosmarie, die Augenvorhänge zuzuziehen. Sie kost ihren Alabasterkörper, und sie saugt alle Gedanken aus ihr heraus. (am 01.07.2010 von Der leere Eimer) · #Direktlink zum Versenden

Der große Fortsetzungsroman

_106. Kleine Geschichte einer großen Frau

Agnes Mehlhorn leuchtet in die Rumpelkammern ihrer Vergangenheit hinein, in Zimmer voller Kleinbürgerglück und Unglück. Dort war sie geboren, jene Kammern kannte sie, in ihnen sollte sie dem Tod begegnen.

Dass sie Anlageberater und Mietliebhaber in eleganten Hotels empfängt, hat nicht nur damit zu tun, dass ihr Talent, ihr Gesangstalent, auf einer handwerklichen Grundlage ruht, dass sie zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war (ihr Spitzname: Agnes Überall!), dass ihre Stimme wie Kartoffeln oder Nudeln schmeckt. Agnes Mehlhorn, alias Agnes Meier-Mehlhorn, trägt ein Naturlächeln, eines, das alle betört, eine Lache, die niemand überhört.

Impressario Sparkrampf sprach: Ich mach mich reich. Und Agnes versprach er: In einem halben Jahr kennt dich die Welt!

Ohne Tricks, ohne Hochschlafen?

Richtig, nickte Sparkrampf und dachte: Das kostet dich Hunderttausend extra pro Jahr.

Die Maschine, in die er sie warf, schuftete wie ein Bankpräsident. Das Leben veränderte sich wie Hundehaufen im Regen. Ihr Lächeln eilte Agnes zu Hilfe. Es überbrückte Altes mit Neuem. Wann immer sie wollte, schlüpfte Agnes Meier-Mehlhorn in die Haut der Agnes Mehlhorn zurück. Und wenn sie kein Verehrer umbringt, wenn die Flugwerkzeuge unter ihrem Hintern nicht aus allen Wolken fallen, dann wird das Volk noch ihr Rentnerlächeln lieben. (am 15.06.2010 von Der leere Eimer) · #Direktlink zum Versenden

Der große Fortsetzungsroman

Und Gott ging kacken.
Und er schiss auf die Welt...
Und traf die ewige Stadt.
Und dort wird sie als
Heiliger Stuhl verehrt.

105. Ich glaube, der Papst glaubt nicht an Gott

Es waren weder Geistesschau noch Gottes Offenbarung, die Enea Silvio Piccolomini veranlassten, von seinem leichtsinnigen Leben zu lassen, es waren ernste Miene und Rat des Arztes. Mäßigung in allem mahnte dieser, am besten in klösterlicher Abgeschiedenheit. Der Kranke ächzte sich aus dem Bett, doch der Doktor drückte ihn zurück ins Kissen. Entweder ändern Sie Ihr Leben, oder Sie sterben am nächsten Schlagfluss. Und der steht auf dem Sprung.

Piccolomini erholte sich am Fenster. Dort schrieb so wie einst Petrarca oder Boccacio, dort fasste der Entsagende die lärmende Stadt ins Auge, wo menschliche Lasttiere die Schwere des Lebens trugen. Er saß am Fenster und weinte. Ein vierzigjähriges Fest lag hinter ihm. Er blickte auf Orgien und Gelage zurück. Jetzt war es zu spät. Jetzt gab es kein zurück. Saulus musste zum Paulus werden. Das Leben erschien ihm verlockender als der Tod. Was lag näher, als Priester zu werden? Kaiser und Kurie fraßen ihm seit langem aus der Hand. Wenn alles gut ginge, gewänne er den Hirtenstab. Der Fromme würde er sich nennen... (am 01.06.2010 von Der leere Eimer) · #Direktlink zum Versenden

Der große Fortsetzungsroman

_104. Czerneboch, der schwarze Gott

Czerneboch leidet, denn er kann nicht tun, was er will. Ein weißer Mann versperrt ihm das Toilettentor. Du willst hinein?? fragt er den Schwarzen. Drückt es dich?

Ja, antwortet Czerneboch, ich will hinein, denn es drückt mich.

Geh auf die Straße! sagt der Weiße.

Beiseite! schreit der Schwarze und holt seinen Arm aus.

Halt! schreit der Weiße. So habe ich es nicht gelernt. Du musst dich ducken, und ich habe meinen Spaß.

Nein, heißt die Antwort, so habe ich es nicht gelernt. Czerneboch schiebt sich an dem Weißen vorbei, er schleicht in die Klokammer, obwohl es schon zu spät ist, obwohl er nicht mehr muss. (am 15.05.2010 von Der leere Eimer) · #Direktlink zum Versenden