Lesung in der „Hobbythek“ in Wien am 8. Dezember 2001

Der Bericht von Fromp

anreise, ankunft, ach du dickes ei

… der süssliche duft, den der heizungslüfter uns beim durchfahren des ortsschildes direkt in die nase blies, lies uns erahnen, was uns erahnte … tod, vergang, ende, verottung, distribution …
wien! – die stadt der todessehnsucht und des weltenabschieds.
zu diesem zeitpunkt konnte keiner von uns ahnen, dass wir zwar alle mit dem leben davonkommen sollten, unser ganzer aufenthalt aber eine nebelumfangene mystische reise durch träume, zerr-realitäten, frühere leben und mittagstisch-bekommt-man-auch-cafes werden sollte.

als führer eines unserer fahrzeuge bekam fromp es als erstes mit dem geist der straße zu tun – er sah in ihm und seinem bulli (getuned von „vulgar-display-of-power“, in recklinghausen) potential für die end-fahrt, und er entfesselte seinen geist ……… jaaaaaa, er zosch durch die straßen und gassen der metropole, als wäre sie seine ewigste gewesenste heimat ehedemzumals! wien war eine spezielle beschleunigung, der sog des todes zerrte an seinem gaspedal, uns hinabzureisen in den orkus der straßenverkehrseinbalsamierten – gelang es ihm doch nicht nimmer, denn kein verwegenerer als fromp selbst saß eben am steuer, und ihm wurde klar: „hey, hier war ich schon mal, i feel home und sackl zement, hier bin ich auch schonmal gestorben, früher – als ich noch römer war und irgendeine schlacht, irgendein krieg mich nach wien führte und mich nicht mehr gehen ließ mit dem fuße eines irdischen“ … ja, ein astreines deja-vu …

nahezu umgehend wie geschwind fanden wir uns in der straße, da unsere einladung zu nächtigen galt, wieder und vorparkten provisorisch erstmal unter sehr ausdrücklich angebrachten absoluten halteverbotsschildern … wegen der kälte, der orientierungslosigkeit, der müdigkeit und allgemeinem kollagenmangel spielten wir das spiel: solange ein und aussteigen und unpräzise fragen fragen, bis irgendjemand die finale tür zuschlägt, die tür des todes sozusagen … was dann endlich nach einer guten stunde passierte!
den sieg errungen hat unsere keyboarderin d., indem sie die linke hintere tür an tokls audi zuschlug, was an sich unspektakulär war, wenn nicht tokl wohlweislich vorher den preis (seinen autoschlüssel) unsichtbar in einer sitzritze deponiert hätte …

kann es was schöneres geben, als im minus zwei grad kalten wien, komplett im absoluten halteverbot stehend, sein handy im auto liegendlassend und licht brennendlassend sich auszusperren??? ja! schöner wäre es zum beispiel mit andy herzog am warmen ofen flügelspiel oder freistoßvarianten zu diskutieren …

„wie kriegen wir die karre wieder auf?“ war das motto des abends.
schnell fügte sich jeder in seine rolle in diesem drama:

  • tokl mimte den ansatzweise entsetzten sich sofort versuchen selbst zu rettenden
  • heyoka mimte den spitzfindigen kriegsberichterstatter mit hang zur verbalen niederlage
  • james blond mimte den stillen beobachter mit gedanklicher unterstützung in richtung „wir schaffen das!“
  • d. mimte die so unglaublich durchgefrorene unverschuldet sich selbst schuld beschuldigende unschuldige
  • und fromp mimte den der welt enthobenen denkwerker, der in den unzähligen muuken seines bulli irgendein passendes vehikel vermutete, um die tür aufzubekommen …

draht!!!! ein stück original dresdner christstollen für ein stück draht!!!
zack, wie von geisterhand war da plötzlich eine baustelle, in der diverse sorten draht rumlagen, und zwar umsonst! nein, wir mussten weder den publikums-joker, noch den original dresdner christstollen einlösen – der draht war gratis! gespendet von einer stadt, die uns zwar den süßlichen duft des todes entgegenhauchte, aber unsere zeit war noch nicht gekommen …

nach 48 gescheiterten versuchen gaben wir auf und riefen die „120“ an, wo man uns sagte, dass für 250 deutsche mark und zwei stunden wartezeit gleich jemand kommen würde, um uns zu helfen …
nie sah ich tokl’s gesicht tiefer fallen als bei 250 ökken, und sofort entbrannte neuer elan beim versuchen, die tür zu eröffnen!

und siehe da! es fuhr der heilige geist in fromp, er rupfte den draht aus einer roten überlängenmarkierungsflatterfahne, klöppelte diesen an einem von gott höchstpersöhnlich vor ihm hingelegten abwassergulli, den er als amboss nutzte, spitz, bog diesen spitzen spezialdraht mit der von jesus in seinen bulli gelegten wasserpumpenzange auf 270° innenwinkelmaß und gab nun dieses himmlische spezialwerkzeug tokl zu händen, um ihm den vortritt zu lassen beim versuch, uns alle zu erlösen … er selbst nahm den vom heiligen geist in seinen bulli materialisierten riesen-schraubenzieher und spreizte dem hochbereiten, wartenden tokl dessen autotür dermaßen so eben auf spalt, dass dieser nahezu mühelos den spitzen himmelsdraht in den audi-kunststofftürschlossnippel rammen konnte und mit einem gelangweilten gesichtsausdruck kurz zog und die tür eröffnete ………… alle waren begeistert, außer james blond, der war sogar fasziniert!

dass dann direkt vor der haustür unserer gastgeberin elffriede ein parkplatz frei wurde, war selbstverständlich, jetzt jedenfalls …

2. ausklang erster tag

die vollends mesmerisierte schar kehrte zum zwecke der einnahme eines nachttrunks in ein etablissement ein, wo man sich setzen konnte, und wie es die fügung wollte, landeten fromp und elffriede auf dem roten sofa, das schon sigmund freud dazu diente, seinen patienten lager zu bieten, und möglicherweise diente dieses historisch so tatverdächtige sofa nun als auslöser, um bei fromp eine seiner berüchtigten visionen auszulösen, in der er diesmal erkannte, dass heyoka in einem seiner früheren leben ein buddhistischer mönch gewesen war.
heyoka selbst bestätigte diese vision zutiefst, indem er seine vorliebe für orangefarbene hemden preisgab, und seine fehlende frisur, die nur aus kopf besteht, bewies ihr jeniges dazu! alsdasodem bekannte sich heyoka als gläubiger atheist und asket, was auch die letzten zweifel hinfortfegte …

3. die nacht

und noch bevor sich dieses wissen vollends in den gehirnen der anwesenden ausspreizen konnte, lenkten die unwienerisch rüden attacken der belegschaft die aufmerksamkeit auf den wunsch, das lokal zu räumen und der nacht endlich guten tag zu sagen.
lange hielten wir es dort nicht mehr aus …

in der nacht haben wir geschlafen und geträumt.
elffriede hat geträumt, sie sei eine gehäutete seelöwin, die wieder repariert wurde, d.h. der das fell wieder zurück über die ohren gezogen wurde, so dass sie nachher eben wieder in ihrer eigenen haut steckte, allerdings blieb als narbe der reißverschluss, mit dem die haut zugemacht wurde, was sie aber ausdrücklich nicht störte …

fromp hat geträumt, chef-fahrer einer lkw-kolonne zu sein, die auf der autobahn dahinreiste, als zwei schurken, von denen einer böse war und einen ockerbraunen vw-1600 fuhr, versuchten, einen seiner freunde, der zu fuß auf der autobahn unterwegs war, zu überfahren, worauf dieser, soeben glimpflich davongekommenen, zu fromp spurtete und ihm hoch in den lkw brüllte, was da geschehen war, worauf fromp den gesamten konvoi stoppte und zwar auch alle fahrzeuge auf der gegenspur – also totalstillstand quasi – und dann in clint-eastwood-manier zu dem ockerbraunen schurken zurückging, der vor lauter angst schon mal unter gummidichtungsquietschen das seitenfenster herunterkurbelte, um zu erwarten, was fromp ihm zu sagen hätte …
andächtig vernahm er die worte fromps, die ihm mitteilten, dass er ihm bei weiteren aggressiven handlungen die zähne halb rausschlagen werde und zwar in horizontaler linie, worauf die situation bereinigt war.

4. wien, die stadt bei tageslicht, spazanz über den naschmarkt, frauen-impression

elffriede, tokl, heyoka und fromp entschieden sich auf das angebot elffriedes hin, einen spazanz über den wiener naschmarkt zu machen …

beim anblick eines peruanischen tibeters mit den traditionellen bunten ohrenklappen-häkelmützen hatte fromp eine vision, und zwar, dass er, tokl und heyoka in einem früheren leben einst kreuzritter waren, um für die rettung des heiligen landes einzustehen und dass die lange reise bis zur kampfesstätte sie gewiss über wien geführt hatte … unbezweifelbar richtig erwies sich diese vision, als heyoka ziellos stöbernd in einen bücherkarton griff und ein buch mit dem titel „die kreuzritter“ herauszog, welches er zu seiner verblüfften bestürzung allen anderen zeigte …

diese vision veranlasste elffriede zu der frage: „und was bin ich gewesen?“ und siehe da!! zwei stände weiter bot ein händler ein brettspiel des berühmten robert lembke feil, das da heißt: „was bin ich?“ … somit war für alle geklärt, dass elffriede ein brettspiel war …

… und dann begegnete uns diese frau, deren schönheit geradezu unheimlich war. eine schwarzhaarige königin, die so stricher wie fromp und heyoka gar nicht gesehen hat, welche sich aber unabhängig voneinader der 20-sekunden-verliebtheit hingaben und ihren gang soweit verlangsamten oder beschleunigten, um solange als möglich die aura dieser göttin zu berühren und den duft der erhabenheit zu erhaschen … leider entschwand sie nur alsbald mit ihren hofdamen im gedränge der bunten marktgänger … fromp und heyoka aber besannen sich kurz, bezeugten sich gegenseitig ihre faszination für diese frau und froren dann weiter an händen, nase und ohren.

was in tokl vorging während dieses spazanz, bleibt ein ewiges geheimnis, und elffriede genoss es sichtlich, ein brettspiel gewesen zu sein und sich an den allseitz feilgebotenen dingen zu erfreuen und das ein oder andere kleinod zu erstehen … besonderen liebreiz löste bei uns allen das bonsai-skatspiel in der rokoko-stoffgeldbörse aus …

5. zu mittag

durchgefroren, hungrig und zermürbt von diversen schwarzfahrten mit bus und u-bahn beschlossen wir uns dem mittags-vesper zu widmen.
beim eintritt in eines der berühmten wiener hier-gibts-auch-mittagstisch-cafes schien uns unser unglück zu verlassen … aber nein, noch während wir etwas hilflos in einer kleingruppenmenschentraube mitten im eingangsbereich den emsigen kellnerinnen den weg versperrten und hoffend umheräugten ob eines freien tisches, eilte der altehrwürdige besitzer dieses lokals heran, uns zu begrüßen, und mit netten worten und gesten der geduld und liebevolligkeit überbrückte er uns die wenigen ewiglich scheinenden sekunden, bis plötzlich das mystische regulativ, das uns schon so lange umschwebte handgreiflich wurde und sich an vier tischen gleichzeitig die gäste erhoben, uns ihren platz zu überlassen … ja, wir konnten uns einen platz aussuchen! das ist gastfreundschaft!

tokl bestellte ein wiener schnitzel und bekam es auch! ein schnitzel, das nur aus schnitzel bestand, etwas zitrone und ein wenig salat, um die einsamkeit dieses schnitzel etwas geselliger zu gestalten.
heyoka bestellte eine linsensuppe mit schinkenstreifen, und elffriede und fromp taten sich gütlich an einem kräftigen rindsgulasch mit klössen, das so kräftig war, dass man meinen konnte, die fleischspendenden rinder mussten glücklich und zuversichtlich gelebt haben, bevor sie vergulaschiert wurden …

ein extra-absatz muss der vortrefflichen bedienung gewidmet werden, die erneut fromp und heyoka brüdern gleich worte der verzückung entlockte, und zwar in ihrer anwesenheit als frau und nicht etwa als bedienung oder beides vielleicht.
eine frau, wie sie kein menschlicher geist in der lage wäre zu ersinnen … mit wunderschönen händen, einem netten unaufdringlichen lächeln, der männer allüberallst faszinierenden wohldosierten kühle im wesen und mit brüsten, die eine formtreue nach dem entkleiden versprachen, wie sie keine in pvc verpackte drogerie-melone halten hätte können!

heyoka und fromp erquicksallabten sich an dieser frau, wie es noch kein anderes phenomenon zuvor geschafft hatte, außer vielleicht friedrich nietzsches ausführungen zum zarathustra …

6.die lesung

die lesung hat riesig spass gemacht.

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