
Lesung in der „Hobbythek“ in Wien am 8. Dezember 2001
Der Bericht von James Blond
Um es gleich vorweg zu nehmen: Wien war sehr lecker. Bei unserer Ankunft gaben die Bewohner ein großes Fest und schmückten die Straßen mit Schokobomben und Vanillekipfsäckerl. Die Straßenbahnen waren aus Erdbeereis. Das Problem an der ganzen Sache war nur: Um die Straßenbahnen und die Schokobomben nicht gleich zum schmelzen zu bringen, musste für ganz Österreich die Heizung abgeschaltet werden. Es war so kalt, dass uns der Arsch am Körper festfror. Und so kam es, dass nur die Härteren an den Festivitäten teilnahmen, während die weicheren Eier in der Bude saßen und es auch nicht viel wärmer hatten, da in Österreich die Zentralheizung aus politischen Gründen ja verboten ist. Aber dazu später mehr.
Die Abfahrt in Dortmund konnte pünktlich um halb Elf stattfinden. Instrumente in das Auto geschmissen, Mikrophone
nicht vergessen! Cola und Kekse zum Vollsauen der Autositze gekauft und ab auf die Sauerlandlinie.
Nach ein paar Tausend Autobahnkilometern, unsere wankenden Karren waren mittlerweile in bayuwarische Gefilde
vorgedrungen, kam die große Verkehrsmarmelade, wie die Engländer diese Krankheit der Zivilisation zu nennen
pflegen. Jimi Hendrix kann hiervon ein Lied singen! Stau bis hinter dem Horizont!
Gott sei Dank hatten wir Gesellschaft in Form einer Schar Bundeswehrmatrosen im moosgrünen Ford, komplett mit
Donald-Duck-Kragen und Pornobalken und dem ihnen eigenen, nicht unbedingt allen sozialen Minderheiten zugänglichen
Humor.
Leider bewegten sich die Autos auf den verschiedenen Fahrspuren mit unterschiedlicher Kriechgeschwindigkeit voran,
so dass wir unsere neuen Freunde, mit denen wir gern über die neueste Generation der Kampfmittelräumboote
gefachsimpelt hätten, viel zu schnell aus den Augen verloren.
Die Marmelade löste ich auf, wir massierten unsere Gaspedale. Österreichische Grenze. Vorbei am Städtchen Braunau am
Inn. „Da kam doch der Doofe her, der, der eine da …“ Ja, so macht Geschichte Spaß. Hautnah erlebt!
Mittlerweile lag die schöne Stadt Wien mit ihren leuchtenden Dschunken, glitzernden, speienden und fauchenden
Vulkankegeln und liebenswert gen Himmel ragenden Minaretten vor uns. Ohne uns auch nur ein Mal zu verfahren,
steuerten wir, nur auf das Ticken unserer inneren Uhr hörend, unser Ziel, ein kleines, von Eisenbahnen und
Flugzeugen gemiedenes Gässchen im Herzen des 8 Bezirks, an. Beim Aussteigen wurde uns klar: Wien ist kälter als
Dortmund und Meschede zusammen! Gemeinsam strebten die fünf Bluter in Richtung warme Wohnung. Allgemeine Freude, als
sich heraustellte, dass niemand daheim war. Gott sei Dank hatten wir ja Heizungen im Auto. Besinnlich standen wir
alle – es ist ja bald Weihnachten – vor Tokl’s Auto. Wir betrachteten die verschlossenen Türen, die
heruntergedrückten Knöpfchen derselben. Und wir betrachteten besonders besinnlich den Autoschlüssel, der uns vom
Beifahrersitz aus anstrahlte. Hei, welch ein Fest. 10 °C Minus, niemand daheim, Auto verschlossen! Wenn gar
nichts mehr geht, hilft immer noch der der ADAC! Oder wie auch immer der in Österreich heißt. Aber leider wollte der
Österreichische ADAC 250 Mark für seinen Besuch sehen! „In Wean hob’n mer zwoa Stundn Wortezeit,
Herrschoftn“, legte uns die psychologisch wohlgeschulte Stimme am anderen Ende der Telefonleitung dar.
Dass wir nicht noch heute als Eissäule an einer Wiener Straßenecke stehen, haben wir letzlich Fromps handwerklichem
Geschick zu verdanken. Aus einem U-Boot-Rumpf und einer alten Dampfkrakele baute er schnell einen Waschsalon, mit dem
wir zwar illegal, aber doch schnell unser Geld zum Kauf von einem Stück Draht verdienten. Wir wuschen einfach die
dreckige Wäsche der Vorbeiflanierenden. Für einen BH nahmen wir zwei Schilling, eine Unterhose kostete zehn.
Mit dem Draht hat dann Sankt Fromp uns vor dem Eistod in den Tiefen des innerarktischen Weans gerettet, indem er die
Karre fachmännisch aufbrach.
Inzwischen war auch unsere Gastgeberin mit heißem Pfefferminztee aufgetaucht, um uns in die Wärme zu geleiten. Mit unseren alten Socken und gebrauchter Damenunterwäsche, die aus unserer Waschsalonaktion übriggeblieben waren und die wir im Ofen verbrannten, brachten wir die Wohnung unserer lieben Gastgeberin Elffriede schnell auf über tausend Grad.
Den nächsten Tag nutzten Elffriede, Tokl, Fromp und Heyoka, die „Blut im Stuhl“-Kämpen, für einen Bummel über Wiens Flohmärkte und um an dem extra für unseren Besuch eingerichteten Fest teilzunehmen. Nach vier Stunden des Sightseeings und des Sichfeiernlassens – in der Zwischenzeit hatten die vier von unzähligen Viakern die Luft aus den Reifen gelassen, Hans Moser und Falko verprügelt und einige Erdbeereisstraßenbahnen verspeist – kamen sie zwar durchgefroren, doch glücklich und gesättigt in der warmen Wohnung an, wo sich die hauseigene „Blut im Stuhl“-Band, bestehend aus der weltberühmten Pianistin Dagmar und dem Drummer und BiS-Schmierfink James Blond um das Überleben der Flammen im Ofen gekümmert hatte. Zeit für besinnliches Teegeschlürfe und sich gegenseitiges Aufdensackgegehe.
Niemand interessierte sich für des anderen Erlebtes. Aufgrund dieser Tatsache brachen wir auch schnell auf, um die heiligen Hallen der „Hobbythek“, des Ortes unserer abendlichen Veranstaltung, zu erkunden.
Schnell waren die Instrumente verkabelt, die Mikros eingestöpselt und die ersten Töne erzeugt. Sabbernd warteten wir
auf das Eintreffen der Opfer, über die wir unsere Mischung aus verunglückten Texten, schiefen Melodien und
undeutlich dahingenuschelten Reimen ergießen wollten. Ständige Rückkopplungen aus der 40.000-Watt-PA bescheinigten
uns, dass auch die Anlage in freudiger Erektion auf die Besucher wartete. Dann, um 22:45 Uhr schlichen die ersten
Ahnungslosen in die Hobbythek. Sie wussten es nicht besser! Sie wollten doch nur einen gepflegten Samstagabend
verbringen. Die Armen!
Normale Leute hätten Mitleid mit ihnen gehabt. Nicht so jedoch die eisenharten, mit verkrusteten Brötchenhälften
drapierten „Blut im Stuhl“-Henker. Heyoka, mittlerweile in allen Balkanländern steckbrieflich gesucht, eröffnete die
Hardcore-Szenerie. Frauen in den ersten Reihen – es waren mittlerweile fast dreißig Gäste in der kleinen Hobbythek
zugegen – fingen an, sich die Fingernägel zu kauen und ihre vorher mit einiger Sorgfalt hergerichteten Frisuren zu
ruinieren. Männer rutschten auf ihren Stühlen hin und her und trampelten vor Empörung. Der Raum schien seiner
Dimensionen beraubt. Die Spirale des Schreckens hatte ihr Zentrum in unserem Lesepult gefunden.
Dann, ganz zaghaft und verspielt, hinter vorgehaltener Hand fast, der erste Applaus. Er sollte uns den ganzen Abend
verfolgen und nicht mehr in Ruhe lassen, der süße Fratz. Fromp übernahm die Zügel dieses nun absolut außer Kontrolle
geratenen Lesungs-Schimmels. Bei den Leuten im Publikum begannen sich Speichelfäden in den Mundwinkeln zu bilden,
gefolgt von ekstatischen Zuckungen. Tokl hatte extra für diesen Anlass eine Ausbildung als Reinschmeißer absolviert.
Er half den Frauen wieder in ihre Unterwäsche und schob jene Männer wieder zurück ins Lokal, welche sich
klammheimlich verdrücken wollten, um so wenigstens nicht ganz ins soziale Abseits zu kommen. Jeder musste bis zum
Schluss bleiben. Und so blieben die Leute bis zum Schluss!
Nach Fromp gab James Blond sein Geschmiere zum Besten. Das Publikum stand mittleweile hüfthoch in den Exkremeten der
Geschichten von „Blut im Stuhl“. Niemand traute sich noch zu bewegen. Außer Roman und Patricio, die beiden Bartender
der Hobbythek, die sich um das leibliche Wohl der Gäste kümmerten. Und sie taten dies mit Bravour! Nicht ein Glas
ging auf dem vor Buchstabensuppe starrenden, glitschigen und glänzenden Boden entzwei. Nicht ein Gast mußte länger
als drei Stunden auf sein Leitungswasser warten. Jeder gab sein Bestes in dieser für alle Beteiligten schmerzhaften
und peinlichen Situation.
Nur gemeinsam konnten wir hier noch heil herauskommen. Also stieg Dagmar auf ihr Klavier und spielte eine komplette
Stockhausen-Zwölftonsymphonie in D-Moll mit den Füßen. Das Publikum dankte ihr dies mit verschiedenen Formen des
Hospitalismus. Aber noch immer hatten die Leute nicht genug, und so schlug der Monochrom-Mann in die klaffende und
eiternde Wunde und verlas eine Messe, unterstüzt von der BiS-Pianistin, natürlich gegen Zahlung einer Abslösesumme
vom 1 Milliarden Mark für die Klavierdagmar.
Die Veranstaltung kam irgendwann in den frühen Morgenstunden beim gemeinsamen Singen von Adventsliedern – wir hatten
mittlerweile Sonntag, den ersten Advent – zum wohlverdienten Schluss. Das Publikum konnte sich kaum noch bewegen,
also blieb es es noch am Ort, um sich von der handausgewählten, in der Kaffemaschiene vorgebrühten, von
rechtsdrehenden Plattenspielern vorgetragenen Musik der Bartender aus der Hobbythek verwöhnen und sich auf irdene
Gedanken zurückbringen zu lassen. Die BiS-Bagage machte sich in aller Heimlichkeit aus dem Staub, um nicht noch mehr
Schaden in der Infrustruktur Wiens zu hinterlassen.
Am anderen Morgen klingelte der Wecker um sieben Uhr. Instrumente wieder ins Auto gepackt, zurück in Richtung Ruhrgebiet bzw. Sauerland gedonnert. Tokl und Heyoka, beide auf Du und Du mit der Geographie Deutschlands und Umgebung, haben dann noch einen kleinen unfreiwilligen Umweg in Richtung Salzburg in Kauf genommen. Ansonsten hat uns die moderne Technik auf vier Rädern sicher wieder in die heimischen Gefilde zurückgebracht. Wie damals die Türken schreien auch heute wir: Ihr Wiener, habt acht und seid euch sicher, wir werden wiederkommen!
Danke an: Elffriede, Patricio, Roman, die gesamte Hobbythek-Crew, den netten Mann von der BP-Tanke am Gürtel, den Ofen in Elffriedes Zimmer, die Mitbewohnerin hinter dem Vorhang für ihren Drucker und ganz Österreich.
